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THE FUTURE OF LIGHT ART

19 Juni 2018

Zukunft der Lichtkunst?

Das ZKM in Karlsruhe veranstaltete unter der Moderation von Prof. Peter Weibel eine Tagung zum Thema Licht und Kunst.

Text: Dr. Helena Horn | Redaktion: Thea Lenning

 

Es waren gerade die vielf.ltigen Interdependenzen zwischen Wissenschaft und lichtbasierter Kunst, die in dem Symposium in den Fokus genommen wurden. Ziel der Vorträge war es, Licht aus verschiedenen Blickwinkeln ganz unterschiedlicher Forschungsdisziplinen zu betrachten. Die Vorträge wurden von Historikern, Medizinern, Physikern und Künstlern mit Spezialgebieten in den Bereichen der Astrophysik, Quantenoptik, Chronobiologie, Nanooptik, Photonik, Nanoplasmonik, Photonik bis zur Informatik gehalten. Sie beleuchteten wichtige Terrains der Forschung über das Licht und zeigten neue physikalische und technische M.glichkeiten – von der biophysikalischen Chemie bis zur Lithosphäre – die Künstler in Zukunft anwenden k.nnen. Peter Weibel, Direktor des ZKM und Gastgeber des Symposiums stellte fest: „Die Geschichte des Lichts ist mit der Geschichte der Menschheit auf eine Weise verschr.nkt, die wir nicht anders als eine Conditio sine qua non bezeichnen können.“

Lichtspektren aus dem Weltall

Auch die Laserprojektion ‚From the Distant Past‘ von Tim Otto Roth ist eine einzigartige Verbindung aus Astronomie und Kunst. Die gezackte Linie der Projektion aus smaragdgrünem Licht für den Palazzo Franchetti in Venedig konzipierte Roth in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vom Hubble Weltraumteleskop. Die Linie weckt Assoziationen zu einem Herzschlag oder einer Hirnwelle, aber es handelt sich um das Lichtspektrum eines Himmelsobjektes, das Roth auf die Fassade projiziert. Das Auge nimmt zwar nur einen Lichtpunkt im All war, aber das Teleskop kann höchst lichtschwache und somit sehr weit entfernte Galaxien und Sterne sogar aus der Entstehungszeit des Universums genau analysieren. Es ist Licht, das ein Himmelkörper emittiert und in seinem Farbspektrum sind eine Vielzahl von Informationen über ein Himmelsobjekt, einschliesslich seiner Bewegung, chemischen Zusammensetzung und Temperatur codiert. Diese Konfrontation mit Farbe in der Astrophysik reflektiert das Ph.nomen Licht im All mit den Mitteln der Kunst. Roth setzt das Lichtspektrum minimalistisch in eine graphische Linie aus Laserlicht um. Auf diese Weise visualisiert Roth Bereiche der Physik, der Mathematik, sowie der Neuround Molekularbiologie auf künstlerische Weise.

 

Licht opulent und interaktiv

Die Künstler der Gruppe teamLab aus Tokio setzen die Fähigkeit von Licht, sich im Raum und in homogenen Medien wie Luft oder Wasser geradlinig oder nach allen Seiten auszubreiten, auf überbordende und opulente Weise ein. In der interaktiven Installation ‚Infinity‘ lassen sie viele farbige Lichtbündel sich kreuzen oder überlagern, denn Lichtstrahlen verändern ihre Ausbreitungsrichtung nicht gegenseitig, sondern durchdringen sich. Reales Wasser ist in ein Becken gefüllt, alles andere simulieren die h.chst intensiven Lichtprojektionen. Virtuelle Koi schwimmen unter der Wasseroberfl.che, die sich scheinbar bis ins Unendliche erstreckt. Die Besucher können im Wasser herum laufen. Die Schwimmrichtungen der Koi aus Licht werden durch die Anwesenheit von Menschen im Wasser oder anderen Karpfen beeinflusst. Wenn ein Fisch mit Menschen kollidiert, verwandelt er sich in bunte Blüten, die sich malerisch zerstreuen. Die Arbeit wird in Echtzeit von einem Computerprogramm gerendert. Es handelt sich weder um eine aufgezeichnete Animation noch eine Schleife. Die Interaktion zwischen dem Betrachter und der Installation bewirkt eine kontinuierliche Veränderung des Kunstwerks. Vorherige visuelle Zustände können niemals repliziert werden und werden nie wieder auftreten. Sphärische Klänge erfüllen den Raum, die auch interaktiv von den Besuchern beeinflusst werden. – TeamLab ist eine Gruppe von Technikbegeisterten, die sich rund um den Visionär und Creative Director Inoko Toshiyuki gegründet hat. Die Gruppe von Spezialisten entwickelt Web- und Robotertechnologien, Installationen und Raumgestaltungen an der Grenze von Technologie, Kunst und Design.

Computergesteuertes Licht

Hannes Koch und Florian Ortkrass (Random International) stellten in ihrer Präsentation einige Ihrer Projekte vor und demonstrierten, dass sie ihre Kunstprojekte als angewandte Wissenschaft verstehen. Ihre Interessen liegen in den Bereichen von Kognition und menschlichem Verhalten. Seit 2008 beschäftigen sie sich immer wieder mit Schwarmverhalten. Fische, Vögel und Insekten können sich zu Aggregationen zusammenzuschliessen. Die Schwarmbildung hat viele Vorteile, vor allem entwickeln die Tiere eine kollektive Wachsamkeit, die den Schutz erhöht. Die physiologische Basis der Fähigkeit, sich synchron zu bewegen, wird in den Spiegelneuronen vermutet. Die Informatik arbeitet an der Partikelschwarmoptimierung, die nach dem Vorbild des biologischen Schwarmverhaltens eine optimale Lösung für ein Problem sucht. Algorithmen werden programmiert, damit Partikel im Raum die beste L.sung finden können. Random International baut auf diese Algorithmen auf und untersucht die Intelligenz in den Bewegungen sich selbstorganisierender Systeme durch zunehmend entmaterialisierte, sensorische Umgebungen. Einzelne Lichtquellen scheinen jeweils von einem kollektiven Verhalten durchdrungen. Wenn sich jemand nähert, ändert der Schwarm die Richtung oder den Verlauf seines Fluges als Antwort auf das Geräusch der Anwesenheit. Durch seine Bewegung und sein Verhalten erscheint der Schwarm fast animiert, indem er die auf die umgebenden Naturphänomene, die Dynamik im Raum reagiert.

 

Licht trifft auf Architektur

Lászlo Bordos (Bordos.ArtWorks ) und Thorsten Bauer (URBANSCREEN) arbeiten mit emittierendem Licht und nutzen die Fähigkeit von Licht durch Projektionen neue Realitäten zu erzeugen. Erst wenn Licht auf Materie trifft, kann es gestreut, reflektiert, gebrochen, verlangsamt oder absorbiert werden. Sie zeigten ihre ortsspezifischen 3D-Video Mappings auf Gebäude. Ihre Projektionen streben eine Art Architektur-Remix an und konzipieren audiovisuelle Inszenierungen an der Grenze zwischen virtuellem und realem Raum. Indem die Künstler Strukturen und Themen, die in der Architektur verborgen sind, als konzeptionellen Ausgangspunkt nutzen, bildet das emittierte Licht eine Symbiose mit der Fassade und erzeugt überwältigende sinnliche Eindrücke. Leo Villareal stellte sein aktuelles Lichtkonzept für 17 Brücken über die Themse in London vor. Jede der Farbinszenierungen ist auf die Konstruktion sowie die Bedeutung der jeweiligen Brücke zugeschnitten und dynamisch. So entsteht ein im besten Wortsinne malerisches Zusammenspiel mit der Strömung und den Gezeiten des Flusses ebenso wie mit dem nächtlichen Himmel.

Fazit

Das Symposium bot ein prall gefülltes Füllhorn an Neuigkeiten aus Wissenschaft und Forschung über Licht und über Licht in der aktuellen Kunstszene. Peter Weibel fasste zusammen: „Nicht nur, dass wir sind und dass wir existieren, verdanken wir dem Licht, sondern auch alles, was wir wissen, wissen wir durch das Licht. Licht ist eine Botschaft des Universums, Wissenschaftler und Künstler können Botschafter des Lichts sein.“