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Im Neutrino-Takt: Lichtspuren vom Südpol

11 September 2019

AIS³ – Astroparticle Immersive Synthesizer³
Ein Klanglaboratorium von Tim Otto Roth

im Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen
Ausstellungsdauer 06.09. bis 10.11.2019.


Lichtkünstler Tim Otto Roth im Interview
mit Chefredakteur Sven Horsmann 

SH: Empfinden Sie sich als Lichtkünstler, Botschafter der Wissenschaft oder Musiker?

TOR: Muss das eine das andere ausschließen? In meiner Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern geht es mir weniger darum, eine wissenschaftliche Botschaft zu vermitteln, als vielmehr eine künstlerische Antwort auf aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen und Forschungsergebnisse zu geben. Wichtig ist mir dabei, dass die entstehenden künstlerischen Arbeiten die Betrachter*innen sinnlich ansprechen, damit selbst derjenige, der keinen Zugang zu den wissenschaftlichen Hintergründen hat, die von den Forscher*innen untersuchten Daten hautnah erlebt. Sich bewusst zu machen, dass kosmische Teilchen in jeder Sekunde durch uns hindurch fliegen, ohne dass wir ein Sensorium für sie haben, ist schon eine aufregende Erfahrung, die uns nicht nur den Kosmos, sondern zugleich unsere Umwelt auf eine völlig neue Art und Weise erleben lässt.

Diese Beschreibung deutet es bereits an: Meine klangskulpturalen Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass ich einerseits die wissenschaftlichen Daten als eine Art natürliche Partitur verstehe, die ich lediglich interpretiere und nicht verändere – im Fall von [aiskju:b] werden sie vor allem extrem verlangsamt und mit unterschiedlichen Klangfarben versehen – und dass ich damit einhergehend einen erweiterten Blick auf die Medien entwickle. [aiskju:b] ist zuvorderst ein raumgreifendes immersives Instrument, weshalb ich mich auch im Umgang mit Licht zuvorderst als Komponist verstehe.

Was ist die sogenannte Lichtkunst nach Ihrer Definition?

Einen einheitlichen Begriff von Lichtkunst gibt es eigentlich nicht. Bei einem Großteil der Werke, die unter dem Label Lichtkunst firmieren, steht das Leuchten in allen seinen Facetten im Vordergrund. Man müsste deshalb bei diesen Arbeiten eher von Leuchtkunst sprechen.

Ich selbst habe einen sehr konzeptionellen Zugang zum Licht – ich verstehe mich deshalb auch nicht als Lichtkünstler, sondern als Konzeptkünstler, der gerne mit dem Medium Licht arbeitet.

Das zeigt sich auch bei [aiskju:b]. Ich verwende einerseits einen Cluster von 444 leuchtenden Lautsprechern, die Licht- und Klangbewegungen in den Raum zeichnen. Im Kern geht es mir um zwei Dinge: Das komplementäre Ineinanderwirken von Licht und Klang, die auf völlig unterschiedliche Art und Weise räumlich erfahrbar werden. Andererseits gibt es die physikalische Komponente. Das was in [aiskju:b] sichtbar wird, sind ultrakurze Lichtbewegungen, die sich durch einen Kubikkilometer Eis bewegen. Durch die extreme Verlangsamung werden diese natürlichen Lichtphänomene erst erahnbar.

Die aktuelle Präsentation AIS hoch 3 ist am Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen zu sehen und unter anderem in Zusammenarbeit mit Physikern der RWTH Aachen University entstanden. Welche Stimmung verbreitet das bei den Wissenschaftlern?

Ein Hochgefühl natürlich – die Daten mit denen die Forscher tagtäglich umgehen, werden auf einmal auf völlig neue Weise erfahrbar. Von den Jungwissenschaftlern, die die Arbeit mit aufgebaut haben, bis hin zu erfahrenen Forscherinnen und Forschern aus der IceCube-Kollaboration habe ich nur begeisterte Rückmeldungen erhalten. Bereits die Konzeptstudie verbreitete bei meinen wissenschaftlichen Projektpartnern in Aachen, Zeuthen bei Berlin und in München Begeisterung. Ohne diese wäre das Projekt nicht zustande gekommen. Was mich aber darüber hinaus freut, ist die breite positive Resonanz beim Publikum. Bei der letzten Präsentation in München hatten wir an nur zwei Tagen knapp 1.500 Besucher, die sogar Schlange stehen mussten. Ich bin gespannt auf die Reaktionen nun hier im Rheinland.

Wie haben Sie die 444 illuminierten Klangkugeln gebaut und welches Licht ist drin?

Wie in meinen vorigen Klangskulpturen sind die leuchtenden Lautsprecher vom Gehäuse bis zur Elektronik eine Entwicklung meines Studios. Jede dieser Lautsprecherkugeln von 12 Zentimeter Durchmesser besitzt eine eigene Elektronik basierende auf einem ESP32-Mikroprozessor. Die Elektronik steuert nicht nur die RGB-LED-Streifen an, sondern fungiert gleichzeitig als Synthesizer, die lokal das Audiosignal für die beiden Hochleistungslautsprecherchassis generiert, die den Klang 360 Grad in den Raum abstrahlen.

Die Lautsprecher sind als zwei Halbschalen aus spritz-gegossenem Polycarbonat konzipiert. Die von der Firma memoplast bei Troisdorf produzierten Halbschalen streuen das Licht der beiden ringförmig angeordneten LED-Streifen optimal.  An der RWTH Aachen erfolgte mit einem Jungforscherteam von Physikern um Prof. Christopher Wiebusch die Montage der Lautsprecher und ein erster Testaufbau. Zur Ansteuerung der 444 Lautsprecherkugeln wurde ein eigenes Protokoll entwickelt, um diese über die 37 Einzelstränge anzusteuern. Dank eines Firmwareupgrades, das ein Aachener Physikdoktorand vor wenigen Wochen durchgeführt hat, ist dies nun mit einer Taktrate bis 200 Hertz möglich.

 

Was treibt einen promovierten Lichtkünstler an? Was steht für 2020 auf dem Programm?

Promovierter Lichtkünstler trifft es nicht ganz. Promoviert habe ich zur Kehrseite des Lichts – nämlich über Schatten oder besser Schattenbilder. Die Kulturgeschichte der Schattenbilder, die ich geschrieben habe, ist eine sehr detaillierte kunst- und wissenschaftsgeschichtliche Arbeit, in der ich mich als Künstler vollkommen herausgenommen habe. Trotzdem regt diese Forschung auch den Künstler an – aktuell habe ich z.B. mein erstes Tanzprojekt fertiggestellt, das mit einem besonderen, von mir weiterentwickelten 3D-Schattenverfahren arbeitet. Aber auch den Draht zum Kosmos halte ich weiterhin aufrecht: Für 2020 ist mit Cold Harmonies die nächste große kinetische Licht- und Klangskulptur in Vorbereitung, die sich mit extrem langwelligem und deshalb unsichtbarem Licht im Kosmos auseinandersetzt, das von Gas- und Staubwolken nahe dem Nullpunkt emittiert wird. Das Projekt erfolgt in Kooperation mit Dr. Volker Ossenkopf-Okada  und dem Sonderforschungsbereich (SFB) 956 Bedingungen und Auswirkungen der Sternentstehung an der Universität zu Köln. Mit diesem habe ich bereits im Jahr 2018 mit Symphonia Galactea live eine Klang- und Lichtperformance am Radioteleskop Effelsberg gemacht. Mit dem frei beweglichen 100-Meter-Teleskop, das nach wie vor zu den größten seiner Art weltweit gehört, haben wir die für unser Auge unsichtbare Radiostrahlung von elementarem Wasserstoff der Milchstraße gemessen und in Klänge übersetzt. Parallel dazu zeichnete ein im Teleskop befestigter Laser die langsamen Bewegungen in den Himmel. Auf einer kleineren Skala greifen auch bei Cold Harmonies Klang und Licht ineinander – diesmal als rotierende Klang- und Lichtskulpturen.

Danke für das Interview und viel Erfolg
wünscht ihnen die luxlumina-Lichtarchitektur!

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