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Was müssen Architekten über Licht wissen?

14 Januar 2020

 

Lichtgestalter Helmut Angerer von CONCEPTLICHT im Interview mit der luxlumina Lichtarchitektur.

Redaktion: Thea Lenning
Fotos: Concept Licht, Christian Gahl

 

Lichtgestalter Helmut Angerer, Inhaber von Conceptlicht

 

Wann sollte ein Architekt nicht zufrieden sein mit einem Lichtkonzept?

Wenn nur über das Leuchtendesign gespro- chen wurde und nicht die beabsichtigte Lichtwirkung.
Wenn keine Nachfrage zur Oberflächengestaltun und die Nutzungsfunktionen des Raumes erfolgt ist. Wenn nicht über Strahlungswinkel (nicht zu verwechseln mit dem unsinnigen Ausstrahlungswinkel), Farbwiedergabe und Lichtfarbe gesprochen wurde. Wenn nur von der Beleuchtungsstärke und der Gleichmässigkeit die Rede war. Wenn die Begründungen für ein Konzept nicht schlüssig erscheinen, mögen sie noch so poetisch verklärt klingen.

 

Wie kann man Architekten auf die Gestaltung von Licht aufmerksam machen?

Der Grundstein muss bereits während des Studiums gelegt werden. Tages- und Kunstlichtplanung muss ein Pflichtfac werden, denn ohne Licht geht Archi- tektur nicht! Architekten müssen bewusst sehen lernen und begreifen, dass Licht zwangsläufi eine Bedeutungshierarchie

schafft. Ein wesentlicher Aspekt sind leider auch total unkriti- sche Publikationen in allen Medien. Viele Publikationen müss- ten als bezahlte Anzeige gekennzeichnet sein. Im Zeitalter der Manipulation auf allen Kanälen ist erhöhte Wachsamkeit erforderlich. Das innewohnende Potential guter Architektur kann erst durch Licht zur vollen Entfaltung gebracht werden oder beschädigt werden. Über Negativbeispiele, wie z.B. die Verunstaltung des Petersplatzes in Rom durch Osram berichten.

Was müsste ein Architekt über die Gestaltung von Licht wissen?

Dass eine normgerechte Ausleuchtung nicht auto- matisch eine gute Lichtplanung ist. Dass die ausgewählten Materialoberfläche im Raum je nach Strahlungsprinzip der Leuchte und Leuchtenanordnungen völlig anders wirken können. Dass leuchtende Linien und Ringe noch lange kein gutes Lichtkonzept sind. Vor allem sollte der Architekt Kennt- nisse über unbeabsichtigte Bedeutungen von Licht haben, 

z. B. zu hohe Eigenleuchtdichte, chaotische Abbildungen von Lichtkegeln, Einblick unter flachen Erhebungswinkeln auf di Lichtquelle (Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Lichtplaner gilt leider noch nicht).

 

Wie viel Lichttechnologie müsste ein Architekt wissen?

Je mehr der Architekt selbst Licht plant, umso mehr Lichtwis- sen benötigt er. Um eine externe Lichtplanung bewerten zu können, muss man die Lichtverteilungskurven lesen können oder das Konzept wird vom Planer an Hand von Grenzstrahlungswinkeln erklärt. Grundwissen um über Licht diskutieren zu können, wären Begriffe wie Leuchtdichte, Gleichmässigkeit, Reflexblendung, Farbwiedegabe, Farbtemperaturen, Strahlungsarten, Abschirmwinkel und die Lichtverteilungskurve (LVK).

Die LVK in polarer Darstellung lässt eine Bewertung nach visuellen Kriterien nur eingeschränkt zu, die kartesische Darstellung ist da schon aussagekräftiger. Die visuelle Bewertung ist wichtiger als die rein lichttechnische, denn schliesslich haben wir Augen im Kopf und keine Siliziumzellen! Von der ganzen Betriebstechnik der Leuchten, thermische, elektrische Belange, Reflektortechnik oder Optik muss der A chitekt über keine Kenntnisse verfügen.

Wie kann ein Lichtdesigner dem Architekt in Projekten helfen und wie kann man den Architekten von seinem Licht (oder dem des Lichtplaners) überzeugen?


Ein probates Mittel sind vergleichende Bemusterungen, dann wird der essentielle Unterschied bei Abweichungen vom geplanten Strahlungswinkel schnell klar. Und natürlich Bilder, Bilder, Bilder (nicht retuschierte versteht sich). Die Bilder muss man natürlich zu lesen verstehen, denn Bilder oder auch Visualisierungen können die realen Lichtverhältnisse aufgrund der Kontrastverhältnisse nur bedingt wiedergeben. Ein harmloses Glitzersternchen auf einem Bild kann sich in der Realität als atmosphärischer Killer entpuppen. Schnittdarstellungen mit den realen Strahlungswinkeln haben sich auch bewährt, die Architekten an die winkelbasierte Lichtplanung heranzuführen. An den Hochschulen scheint diese Planungsweise allerdings leider nicht zu existieren. Schöne Photoshopbildchen sind jedenfalls untaugliche Mittel, aber durchaus üblich.

In hartnäckigen Fällen hilft auch die gemeinsame Besichtigung eines ausgeführten Projektes.

Sollte ein Lichtdesigner einem Architekt sagen, dass er falsches Licht gesetzt hat? Wie würde es Lichtdesigner Helmut Angerer machen und sagen?

Natürlich, es geht schliesslich um eine Angelegenheit, mit der die Nutzer die nächsten Jahre leben und die Verantwortung nimmt einem etwa nicht die Norm ab. Wenn alle Argumente ausgetauscht sind, Bemusterungen und Besichtigungen nicht weitergeholfen haben, ich den Lösungswunsch aber nicht verantworten kann, sei es in der Innen- oder Aussenbeleuchtung, dann distanziere ich mich davon. Dadurch habe ich schon zwei Aufträge verloren.

Übrigens behagt mir der Terminus Lichtdesigner gar nicht. Bei Lichtdesign wird gleich das Erscheinungsbild der Leuchte assoziiert, das natürlich auch von Bedeutung ist, aber im Regelfall sekundär ist. Lichtplanung trifft es auch nicht wirklich, denn darunter verstehen viele die Dimensionierung einer Anlage, also gewissermassen die Projektierung oder man könnte auch sagen Leuchtenplanung, die aber auch ihre Berechtigung hat.

Lichtgestaltung wäre der richtige Terminus. Aber ich bin schon zufrieden, wenn in den Medien endlich nicht mehr von der Lampe die Rede ist, es sich aber unmissverständlich um eine Leuchte handelt.

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